Nadine, Uwe, Lena und Jakob Warmuth

Plötzlich sind es zwei

Nach den beiden Berichten zu Geburt und Wochenbett wollte ich auch nach der Geburt unseres zweiten Kindes einen kleinen Bericht schreiben. Die meisten wird wahrscheinlich interessieren, was beim zweiten Kind anders war. Da der Bericht doch länger geworden ist als erwartet, habe ich ein kleines Inhaltsverzeichnis erstellt:

Schwangerschaft
Schon die Schwangerschaft verlief viel turbulenter als bei Lena. Der „Symptomverlauf” war recht ähnlich: Am Anfang mäßiges Unwohlsein, also keine große Übelkeit, keine sauren Gurken mit Marmelade; in der Mitte ein großes Leistungshoch; später fingen Rückenschmerzen an und am Ende eine riesige Murmel, die eigentlich nur gestört hat. Trotzdem war die zweite Schwangerschaft ganz anders als die erste.

Schon am Anfang sagte Nadine abends im Bett, dass sie jetzt heute zum ersten Mal daran denkt, dass sie schwanger ist. Auch später, als nach meiner Meinung so langsam Kindbewegungen zu spüren sein müßten, bekam ich oft als Antwort: „Ich weiß es nicht, ich hatte noch keine Zeit für das Kind.” Da kommen schon Zweifel auf, ob wir überhaupt Zeit für ein zweites Kind haben. Aber in der Schwangerschaftsbetreuung sagte unsere Hebamme, wenn wir uns jeden Tag eine halbe Stunde bewusst dem ungeborenen Kind widmen, reicht das schon. Wenn es dann geboren ist, bekommt es genau die richtige Portion Aufmerksamkeit bekommt. Das erste hatte viel zu viel.

Bei Lena war es so, dass Nadine in den ersten drei Monaten ihr Studium erfolgreich beendet hat, dann ist sie nach Dresden gezogen und die restliche Zeit war ihre Hauptaufgabe „schwanger sein”. Auch ich hatte noch nicht so viele Webseiten, so dass ich mich auf meinen Zugfahrten meistens ausgeruht habe. Abends war ich dann ausgeruht und hatte Kraft, um Nadine die Rückenschmerzen wegzumassieren.

Jetzt war Nadine 40 Stunden pro Woche arbeiten und ist bis fast zum Schluß täglich 12 km mit dem Rad gefahren. Nachmittag hat sie die Lena aus der Kinderkrippe abgeholt, was auch nicht immer leicht war: Mal wollte Lena gar nicht mit nach Hause, mal war sie ganz müde und quengelig, mal war sie ganz fit und wollte rumtoben.

Meine Situation hatte sich nur insofern geändert, dass ich meine Webseiten so weit es geht im Zug bearbeite, um die Zeit zu Hause fast vollständig für Nadine und Lena da zu sein. Damit habe ich zwar etwas mehr Zeit, aber es fehlten zwei Stunden Erholungsphasen. So kam es, dass wir oft genug einfach müde ins Bett gefallen sind und keine Massage stattgefunden hat. Selbst für das Eincremen das Bauches waren wir zu müde.

Irgendwann, als Nadine schon längst nicht mehr auf dem Bauch liegen konnte und nur noch Seitenlage bequem war, war ihr Wunsch nach einer Massage größer als der Wunsch zu schlafen. Da ich eigentlich zu müde war, legte ich mich auch hin und massierte im Liegen Nadines Rücken. Das ging erstaunlich gut und ich musste mir nicht die Arme verrenken.

Einen spürbaren Unterschied gab es zur ersten Schwangerschaft: Das Kind strampelte deutlich mehr und auch eher gegen meine Hand. Ich denke, das ist auf die Radfahrten und das Rumtoben mit Lena zurück zu führen.

Wie sage ich es meinem Kind?
... und vor allem wann? Lena war zum „Tatzeitpunkt” zwei Jahre, zur Geburt demzufolge zwei und dreiviertel Jahre. Es fehlte also noch das Zeitverständnis für alles, was über „gestern”, „heute” und „morgen” hinaus geht.

In den verschiedenen Ratgebern wird empfohlen, so kleinen Kindern nicht zu zeitig davon zu erzählen, weil sonst das Interesse verloren geht. Das Kind soll aber auch nicht als letztes von dem neuen Kind erfahren und schon gar nicht von anderen Leuten. Damit wird es schwierig. Aufmerksame Mütter bekommen das Unwohlsein im ersten Drittel mit, Freunde merken, wenn das sonst gern getrunkene Glas Wein abgelehnt wird. Es wird also erzählt. Irgendjemand fragt dann garantiert das erste Kind: „Na freust du dich auf das Geschwisterchen?”

Zum Glück gibt es einige Kinderbücher, in denen Schwangerschaft, Geburt und Geschwisterwerden leicht verständlich beschrieben und bebildert sind. Wenn in den Büchern Kinder auftauchen, die bereits aus anderen Büchern bekannt sind, ist der Einstieg in das Thema ganz einfach.

Am Ende hatten wir vier verschiedene Bücher zu diesem Thema und jedes hatte irgendetwas, was uns half, Lena zu erklären, dass Mamas Bauch jetzt nicht mehr als Trampolin geeignet ist. In einem Buch war ein Größenvergleich mit Dingen, die die Kinder kennen: Erst ist es so groß wie ein Punkt, dann wie ein Gummibärchen, dann wie eine Maus usw. In einem anderen Buch war ein Bild wie ein Arzt bei der Mama Ultraschall macht und wieder ein anderes beschreibt den Tag der Geburt: Die Oma kommt zu Besuch, Mama und Papa gehen ins Krankenhaus (oder zur Hebamme), irgendwann klingelt das Telefon und ein Baby schreit.

Lena erkannte das Baby als Lebewesen an, als wir sie zur Ultraschalluntersuchung mitgenommen haben. Dort erkannte sie Arme, Beine, Füße, Hände und ein bißchen Gesicht. Von da an hat sie jedes Mal, wenn sie Mamas nackten Bauch sah, gerufen „Hallo Baby!”. Oder in der Badewanne hat sie dem Baby immer die Quietsch-Enten und anderes Spielzeug gebracht.

Einen Nachteil hatten drei von den vier Büchern: Auf den letzten beiden Seiten brachte das große Kind Rasseln, spielte und krabbelte mit dem Neugeborenen oder hielt es zum Laufenlernern fest. Oops, das dauert ja genauso lange wie die ersten 10 oder 12 Seiten.

Geburtsvorbereitung

Zur Geburtsvorbereitung zähle ich nicht nur die tatsächliche (mentale) Vorbereitung auf die Geburt. Das erste Kind braucht ein neues Bett, das Kinderzimmer (so es nur eins gibt) muss umgeräumt werden, damit ein zweites Bett rein passt, das erste Kind muss während der Geburt betreut werden und so weiter.

Gerade das Thema Bett ist recht heikel. Es darf natürlich nicht so aussehen, als würde das Baby das Kind aus dem geliebten Gitterbettchen vertreiben. Wenn kurz vor der Geburt plötzlich ein zweites Bett ins Zimmer gestellt wird und die Eltern plötzlich sagen, das Gitterbettchen ist nicht mehr Dein Bett, sondern das Bett vom Baby, dann kann das der erste Grund für Eifersüchteleien sein.

Wir haben das Kinderzimmer in drei Schritten umgeräumt. Als Nadine im zweiten Monat schwanger war, haben wir ein neues Bett für Lena gekauft. Lena war ein Wochenende bei Oma und Opa und als sie zurück kam, stand statt des Gitterbettchens ein schickes großes Bett da. Lena ist sofort reingehüpft und ist Trampolin gesprungen. Am Anfang ist sie wenige Male in der Nacht aus dem Bett gefallen, aber da Decken davor lagen, ist nichts passiert. Etwa in der Mitte der Schwangerschaft haben wir mit Lena zusammen das Zimmer umgeräumt und drei Wochen vor dem Geburtstermin haben wir das Gitterbettchen wieder aufgebaut.

Den Geburtsvorbereitungskurs sollte man auch beim zweiten Kind nicht weglassen. Man glaubt zwar, dass man schon alles weiß, aber der (zweite) Kurs hat verschiedene Vorteile. Zum einen hilft er, das Wissen vom ersten Kind wieder zu aktivieren. Wenn der Kurs bei einer anderen Hebamme gehört wird, gibt es wieder andere Tipps und Tricks im Umgang mit dem Neugeborenen. Beim zweiten Kind nimmt man vor allem die Tipps und Hinweise zur Geschwistersituation auf. Und ein ganz wichtiger Vorteil des Kurses ist, dass man (frau) sich endlich mal zwei Stunden nur auf das neue Kind konzentrieren kann.

Spätestens für den Geburtsvorbereitungskurs braucht man einen Babysitter, der auf das erste Kind aufpasst. Wenn man Großeltern oder Freunde in der Nähe hat, ist es gut. Man muss auch abwägen, ob sie bei Beginn der Geburt wirklich zu jeder Tages- oder Nachtzeit die Betreuung übernehmen können.

Schon lange vor der zweiten Schwangerschaft hatten wir uns zu einem Tanzkurs angemeldet und haben so regelmäßig einmal pro Woche eine Babysitterin über Lenas Schlaf wachen lassen. Als der Tanzkurs vorbei war (dann schon mit recht dickem Bauch), haben wir die Regelmäßigkeit bis zum Geburtsvorbereitungskurs beibehalten und sind mal schön Essen gegangen, mal ins Theater, mal ins Kino, mal einfach so an der Elbe spazieren. Nach dem Vorbereitungskurs blieben auch noch drei oder vier Wochen, um einen Abend ohne Kind zu verbringen.

Als der Geburtstermin immer näher rückte, fragten wir Lena, wie denn das Baby heißen soll. Die Antwort kam prompt: „Baby! Baby Warmuth.” Interessanterweise sagte Lena auf die Frage, ob es ein Bruder oder eine Schwester wird, immer „Ein Bruder.” Wir wußten zwar, dass es ein Junge wird, haben das Geheimnis aber gewahrt. Auch in der Krippe ließ Lena keinen Zweifel, dass sie einen Bruder bekommt. Woher kam diese Sicherheit? In den Büchern bekam immer entweder ein Junge ein Schwesterchen oder ein Mädchen bekam ein Brüderchen. Da Lena verstanden hatte, dass sie dann die große Schwester sein wird, musste das Baby also ein Brüderchen sein.

Geburt
Für uns bestanden keine Zweifel, dass auch das zweite Kind in der Hebammenpraxis Bühlau zur Welt kommen soll. Da die Schwangerschaft wieder problemlos verlief, stand dem auch nichts entgegen. Zum Glück! Ob in der Kinderkrippe oder von Freunden, die in der Zwischenzeit Kinder bekommen haben, es gab immer wieder Geschichten und Vorkommnisse in Krankenhäusern, bei denen ich sage: „Das muss ich weder bei der Geburt noch im Wochenbett haben.” (Meine ersten beiden Berichte wurden so unbewusst immer wieder bestätigt.)

Da Lena eine Woche vor ihrem Termin kam, sind wir davon ausgegangen, dass auch das zweite Kind etwas zeitiger kommt. Eine Woche vor dem Termin bis zum errechneten Termin war unsere Wunschhebamme Kathrin im Urlaub. Wir wurden also bereits zwei Wochen vor dem Termin unruhig, weil noch nichts auf eine bevorstehende Geburt hinweist: Keine Senkwehen, keine „Trainingswehen”, nur ein Kind, das lustig oberhalb des Beckens gegen die Rippen der Mama strampelte. Am Beginn von Kathrins Urlaub haben wir uns auf ein pünktliches Kind eingestellt, weil wir just an diesem Tag einen Engpass mit Babysittern hatten.

Der Termin − ein Freitag − mit seinem Engpass war heran und das Kind war immer noch im Bauch. So haben wir Nadines Eltern infomiert, dass sie sich einrichten, eventuell am Abend nach Dresden zu kommen, wenn vielleicht etwas losgeht. Das waren zu viele Vielleichts und sie sind unabhängig von der Geburt nach Dresden gekommen und haben sich im nächstgelegenen Hotel einquartiert. Am Abend rief Kathrin an und sagte, dass sie wieder da ist. Okay, es kann also losgehen.

Tatsächlich gingen in der Nacht die Wehen los. Bis zum gemeinsamen Frühstück mit Oma und Opa konnte Nadine die Wehentätigkeiten verbergen. Dann haben wir doch den Vorsorgetermin mit der Hebamme zu einem Geburtstermin umgewandelt. Kurz nach 10 Uhr war wir in der Praxis. Es wurde dann sehr schnell 13:05 Uhr als Geburtszeitpunkt festgelegt. Aber der letzte Rest des Muttermundes wollte einfach nicht zur Seite gehen. So hat sich doch alles bis 15:20 Uhr hingezogen und wir haben ungefähr genauso lange in der Praxis verbracht wie zu Lenas Geburt. Obwohl sehr oft gesagt wird, das zweite Kind kommt schneller als das erste, so KANN das sein, aber es MUSS NICHT.

Die Hebammen Kathrin und Anke haben wieder einmal sehr viel Geduld bewiesen und mit vielen Tricks und homöopathischen Mitteln das Kind herausgelockt. Was viele nicht wissen, in der Hebammenpraxis Bühlau ist der Arzt bei jeder Geburt informiert und schon beim geringsten Verdacht einer möglichen Komplikation ist er in der Praxis anwesend. Er bleibt aber, solange alles normal verläuft, außerhalb des Geburtsraumes, einfach um die Frau nicht zu verunsichern. Medizinisches Gerät, was möglicherweise benötigt wird, stellen die Hebammen absolut diskret zur Verfügung, so dass es fast niemand merkt.

Aus Lenas Sicht war die Geburt wie im Bilderbuch: Oma und Opa sind da. Wir fahren alle gemeinsam zur Hebamme. Mama und Papa verabschieden sich. Lena ist traurig, weil sie mit gehen möchte, aber nicht darf. Am Abend klingelt das Telefon und ein Baby schreit. Oma, Opa und Lena fahren wieder zur Hebamme und plötzlich ist ein Baby da.

Erste Begegnungen
Obwohl von der ersten Bestätigung der Schwangerschaft bis zur Geburt ziemlich viel Zeit vergeht und man Zeit hat, sich mental auf die neue Situation vorzubereiten, ist die Geburt doch ein recht plötzliches Ereignis. Entsprechend plötzlich wechselt auch der Zustand „Wir haben ein Kind” in den Zustand „Wir haben zwei Kinder.” Um genau zu sein, tritt dieser Wechel in dem Moment ein, wenn das erste Kind das Neugeborene zum ersten Mal sieht.

Die allererste Begegnung von Lena und Jakob war ein Augenblick ganz für mich allein. Niemand außer mir konnte Lenas Gesicht sehen und niemand außer mir hatte den Jakob auf dem Arm. Lenas Gesichtsausdruck kann ich nicht beschreiben, weil mir dazu einfach die Worte fehlen. Sicherlich sind ihr in diesem Moment auch viele Gedanken durch den Kopf geschossen. Vielleicht flogen die Bilder aus dem Bilderbuch vorbei. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall war es Augenblick, den ich (hoffentlich) nicht vergessen werde.

Zu Hause angekommen kamen noch viele kleine erste Begegnungen hinzu: „Darf ich ihn mal streicheln?” fragte Lena und berührte ihn so sanft, dass nicht einmal der Body auf die Haut gedrückt wurde. Wir legten Jakob auch mal auf Lenas Schoß. Das Baby wedelte natürlich völlig unkoordiniert mit den Armen und kam so auch einmal an Lenas Gesicht vorbei: „Oh, er hat mich getreichelt!” So war also auch die große Schwester geboren.

Am nächsten Morgen kletterte Lena in das Gitterbettchen, das neben dem Wickeltisch steht, um zuzusehen, wie die Windel gewechselt wird. Als die Windel ab war, freute sich Lena: „Oh, der Jakob hat einen Puller!”, zog sich ihre Schlafanzughose runter: „Ich habe eine Scheide!” Okay, damit war dann auch der Unterschied geklärt.

Wochenbett mit zwei Kindern
Dass das Wochenbett mit zwei Kindern anstrengend wird, hatte ich schon beim ersten Kind vermutet. Wie es tatsächlich wird, muss man sehen, wenn es soweit ist. Die erste Nervenprobe (nach der Geburt) war die erste Nacht.

Wieder einmal von Lena verwöhnt, die tatsächlich ihre erste Nacht nur geschlafen hat, erwarteten wir ebenfalls eine ruhige Nacht. Das wurde auch durch die Hebammen unterstützt, denn die meisten Kinder sind wohl von der Geburt so erschöpft, dass sie in den ersten 24 Stunden (fast) nur schlafen. Aber unser Jakob hielt sich nicht daran. Er schrie, was er konnte, spuckte immer wieder Fruchtwasser aus und wollte diesen Verlust sofort wieder auffüllen. Wenn er doch mal eine Weile eingeschlafen war, fing Lena an zu weinen, weil sie eine total verstopfte Nase hatte.

Am ersten Morgen waren wir alle entsprechend unausgeschlafen und gereizt. Da der Tag 1 (nach der Geburt) ein Sonntag war, mussten wir einfach nur durch. Da die Mama die meiste Ruhe brauchte, habe ich die beiden Kinder geschnappt und wir sind mit dem Kinderwagen auf den nächsten Spielplatz spaziert. Ich hatte die Hoffnung, dass sich Lenas Laune etwas aufbessert und Jakob durch das Geschuckel vom Kinderwagen zur Ruhe kommt. Beides war nicht der Fall. Als wir wieder nach Hause kamen, war bereits die Hebamme Kathrin zur Nachsorge da. Ihre fröhliche Art hat uns tatsächlich etwas aufgeheitert.

Nach der Mittagsruhe, die auch nicht so 100%ig erholsam war, haben wir die Strategie geändert. Diesmal habe ich Jakob bei der Mama gelassen und bin mit Lena zur Parkeisenbahn gegangen. Das hatte funktioniert. Lena war wieder genießbar und Jakob hatte auch ein bißchen geschlafen.

Ursprünglich hatte ich gedacht, dass wir die Lena eine Woche zu Hause lassen und sie dann fragen, ob sie wieder in die Kinderkrippe gehen möchte. Schließlich war die Zeit nach der Geburt unser Familienurlaub. Nach dem ersten Tag waren wir aber froh, dass Lena am Montag wieder in die Krippe gehen kann. Beim Gute-Nacht-Sagen haben wir ihr gesagt, dass sie morgen allen Kindern erzählen kann, dass sie jetzt einen Bruder hat. Am nächsten Morgen hat es sogar geklappt, dass Jakob frisch gestillt war und ich ihn im Tuch mitnehmen konnte und Lena ihr Brüderchen auch bewundern lassen konnte.

Damit bin ich bei den Unterschieden zwischen dem ersten und dem zweiten Wochenbett angekommen. Während wir beim ersten Kind uns weitestgehend an dessen Schlafrhythmus angepasst hatten, musste jetzt doch von Anfang an ein geregeltes Leben herrschen. Der Tag geht um 6 los, Lena steht auf, es muss gefrühstückt werden, Lena muss zur Krippe gebracht werden und wieder geholt werden. Dazwischen muss sinnvollerweise das Mittagessen liegen, weil Lena abends auch wieder Abendbrot möchtet.

Für die Zubereitung der Mahlzeiten konnte ich mir beim ersten Kind deutlich mehr Zeit lassen. Jetzt sprang Lena mit herum und ihre Geduld, auf das Essen zu warten, war nur beschränkt dehnbar.

Es gab jetzt auch Zeiten, in denen Nadine allein mit sich und dem Jakob zurecht kommen musste. Das war zum Beispiel, wenn ich Lena geholt oder gebracht habe. Nicht immer war es möglich, Jakob mitzunehmen. Ich habe dann versucht, Nadine alles hinzustellen, was sie in der Zeit brauchen könnte: genügend zu Trinken, Windeln, Wickelunterlage, Tücher usw.

Alles in allem war das zweite Wochenbett für alle Beteiligten deutlich anstrengender. In den ersten zwei Wochen habe ich als Cola- und Kaffeeabstinenzler mehr Coffein zu mir genommen als in dem ganzen Jahr davor. Zum Glück gab es bei Nadine keine nachgeburtlichen Komplikationen. In den nächsten Abschnitten gibt es noch ein paar Einblicke wie die erste Zeit mit zwei Kindern verlief.

Küche
Ich gebe zu, wenn ich in der Küche bin, sieht es nicht sonderlich mustergültig aus. Ich koche zwar immer in sauberen Töpfen und das Essen wird auch auf sauberen Geschirr serviert, aber es kann durchaus vorkommen, dass ich unmittelbar vor dem Gebrauch bedarfsgerecht abwasche. Es muss auch ein deutlich geringerer Anteil der vorhandenen Arbeits- und Abstellfläche tatsächlich zum Arbeiten zur Verfügung stehen als es durchschnittlich ordnungsliebende Frauen sich vorstellen.

Nun als Lena geboren war, war das auch kein Problem. Nadine hatte sowieso Küchenverbot. Nur einmal hatte sie die magische Linie in der Wohnung überschritten und hatte dann sehr schnell gemerkt, dass es nicht ihr Reich ist. Es bahnte sich an, dass diesmal alles wieder so werden würde.

Wir nahmen alle Mahlzeiten im Wohnzimmer ein, weil Nadine sich auf dem Sofa legen oder setzen konnte, wie es ihr angenehm war. Einmal fehlte eine Schüssel. Lena rannte los: „Papa, ich hol das.” Da konnte ich schlecht sagen: 'Nein, Lena, du hast in der Küche nichts zu suchen.' Also habe ich mir deutlich mehr Mühe gegeben, die Küche in Ordnung zu halten, weil Lena schließlich auch mal eine Frau wird. Vor einiger Zeit gab es eine Situation, der Tisch war abgeräumt, aber nicht oder nicht ordentlich abgewischt. Lena kam in die Küche und schaute mit ihrer geringen Höhe gegen das Licht auf die Tischplatte: „Oh, schmutzig!” sagte sie nur ...

Eine Rolle Küchentücher
Obwohl Nadine auch jetzt das Wochenbett die meiste Zeit im Wohnzimmer auf dem Sofa verbrachte, gab es doch wesentliche Unterschiede. Bei Lena gab es einen kleinen Tisch auf dem die Geschenke für Lena und zur Geburt schön um einen großen Blumenstrauß arrangiert wurden. Der Tisch musste wegfallen, weil in recht kurzen Abständen ein kleiner Wirbelwind durch die Wohnung fegt und alles herunter reißen könnte. Die Geschenke wurden jetzt auf der Ablage hinter dem Sofa gesammelt.

Ein weiterer Unterschied war die Rolle Küchentücher, die seit der ersten Mahlzeit mit Lena im Wohnzimmer immer bereit stand. Im Wohnzimmer zu essen, war für Lena ziemlich schwierig. Zwar konnte sie schön auf ihrem kleinen Stuhl am Tisch sitzen, aber die Ablenkung war doch viel größer. So ist nahezu bei jeder Mahlzeit ein Becher umgekippt oder irgendetwas anderes auf den Teppich gefallen.

Zum Glück ist unser synthetischer Teppich mit unregelmäßigem Muster in verschiedenen Braun-, Gelb- und Ockertönen recht unempfindlich. Flüssigkeiten, auch Rotwein und stark färbende Fruchtsäfte, brauchen einfach nur „aufgedidschd” werden. Solange man nicht hin und her reibt, bleiben keine Flecken. Küchentücher waren dafür einfach genial geeignet. Für 200 ml Flüssigkeit brauch man ungefähr ein Viertel bis zur Hälfte einer Küchenrolle. Wenn also nur noch drei oder vier Blätter auf der Rolle waren, haben wir vorsichtshalber gleich eine neue Rolle hingelegt.

Kampf an zwei Fronten
Die ersten drei oder vier Wochen mit zwei Kindern können wir in diesem Kapitel zusammenfassen. Um es vorweg zu nehmen, zwei Dinge haben keinen Ärger bereitet: Lena war von Anfang an lieb zu Jakob und sie ist auch weiterhin gern in die Kinderkrippe gegangen, obwohl Mama und Papa zu Hause waren.

Jakob war von Anfang an ein kleiner Schreihals mit lauter Stimme. Es gab nur zwei Stellen, wo Jakob ruhig war: An Mamas Brust und bei mir im Tragetuch. Sobald man ihn hingelegt hat, fing er wieder an zu schreien. Lena hatte auch manchmal lange geschrien, sie ist dann aber meistens darüber eingeschlafen. Jakob dagegen hat geschrien bis er wieder richtig Hunger hatte und wurde ab diesem Zeitpunkt noch lauter. Dann half wieder nur die Brust und alles ging von vorne los.

Lena hat sich von dem Geschrei nicht beindrucken lassen, wenn sie schlafen wollte, egal ob Mittagsschlaf oder nachts, ist sie auch bei Jakobs Geschrei eingeschlafen. Doch zuvor gab es meist eine Theatervorstellung. Lenas Theater ging manchmal beim Abendbrot los, wenn sie nur mit dem Essen spielte und wir sie dann ermahnten, dass sie nicht so eine Sauerei machen soll. Dann ging erst einmal eine Weile gar nichts mehr außer ins Bett gehen. Meist wollte sie das auch von selbst.

Häufiger war aber das Theater beim Zähnputzen. Nun gut, einem schreienden Kind kann man dank weit geöffnetem Mund hervorragend die Zähne putzen. Irgendwann hatte sie das durchschaut und weinte jetzt mit geschlossenem Mund, so dass nur „Mmmhhhhmmm” zu hören war. Oder sie klemmte ihren Arm in den Mund. Da war guter Rat teuer.

Wir erinnerten uns, dass wir schon kurz nach Lenas Geburt ein Buch zum Thema Zähneputzen gekauft hatten. Es schien der richtige Zeitpunkt, dieses Buch aus der Versenkung zu holen. Und tatsächlich, es half! Jetzt musste immer ein bestimmtes Kuscheltier oder eine Puppe als Fee dienen, die die Zähne putzen durfte. Dabei wurde peinlich darauf geachtet, dass wirklich die Fee die Zahnbürste in der Hand hat und nicht etwa der Papa. Manchmal waren es auch irgendwelche Dinge wie der Waschlappen oder das Handtuch. Einmal (wirklich einmal!) antwortet Lena auf die Frage, wer die Fee sein soll: „Der Papa!” Oh, welche Ehre.

Es kam auch vor, dass Lena auf dem Weg zur Kinderkrippe plötzlich anfing zu schreien: „Nein, nicht mit der Straßenbahn fahren!” „Möchtest du laufen?” „Nein, nicht laufen!” Und schon wälzte sie sich wild um sich schlagend an der Haltestelle auf dem Boden. Eine Situation von der ich früher sagte, dass wird mir nie passieren.

Es kamen natürlich auch schlaue Leute (Haben die überhaupt Kinder???), die meinten ich solle doch das Kind beruhigen. Vergesst es! Ein bockiges Kind kann man nicht beruhigen. Man kann es nicht festhalten und jedes Wort das gesagt wird, prallt ab und verschlimmert die Situation. Das einzige was hilft ist warten, warten bis sich das Kind selbst etwas beruhigt und es dann liebevoll in den Arm nehmen. Was man unbedingt tun muss ist, das Kind so (vor sich selbst) zu schützen, dass es sich nicht verletzt oder auf die Straße rennt.

Mit der Aussage, dass die anderen Kinder ganz traurig sind, wenn Lena nicht in Krippe kommt, konnte ich sie dann doch überzeugen. Wir kamen natürlich zu spät zum Frühstück. Noch mit Tränen im Auge, fragte sie, ob sie noch Kakao trinken darf. Ein wenig schluchzend trank sie eine Tasse Kakao und plötzlich war aller Ärger vergessen. Am Abend klappte alles prima.

Wir hatten uns schon im Vorfeld geeinigt, dass Nadine sich um Jakob kümmert und ich mich um Lena. Damit war klar, wer aufspringen muss, wenn ein Kind weint. Wenn allerdings Lena nur von der Mama getröstet werden wollte, hatte ich beim besten Willen keine Chance. Andersherum brauchte Nadine nicht zu versuchen, Jakob zu beruhigen, wenn er eine halbe Stunde nach einer ausgiebigen Mahlzeit schon wieder an die Brust wollte. Dann war es für mich Zeit, ihn ins Tragetuch zu nehmen.

Es hat sich bewährt, dass immer nur einer ein weinendes Kind versucht zu beruhigen. Der andere kann sich im Nachbarzimmer ausruhen und Kraft und Ideen sammeln. Wenn die Nerven des einen nach einer gewissen Zeit verbraucht sind, kann der andere ins Gefecht eingreifen. Oft bringt sogar der Wechsel den Erfolg. Selbst wenn beide Kinder weinen, kann es sein, dass ein „Kindertausch” die große Ruhe bringt.

Mittlerweile (nach ca. 6 Wochen) hat sich alles wieder etwas beruhigt. Jakob läßt sich jetzt deutlich leichter beruhigen. Er ist sogar schon manchmal nach einer Weile Strampeln einfach so eingeschlafen. Nach einer Brustmahlzeit sieht er fast immer glücklich und zufrieden aus, was uns anfangs völlig fehlte. Zu Lena konnte wir abends beim Gute-Nacht-Sagen auch schon öfters wieder sagen: „Heute gab es überhaupt kein Theater!”

Große Lena, kleine Lena
Man hört ja oft, dass Kinder nach der Geburt eines Babys selbst wieder ein Baby sein wollen und scheinbar Rückschritte machen. Echte Rückschritte habe ich bei Lena nicht beobachtet, aber das sie „unterschiedlich groß” ist, war schon zu bemerken.

Als wir vor der Geburt das Gitterbettchen (in Babyhöhe) wieder aufgebaut hatten, musste Lena unbedingt eine Mittagsruhe darin verbringen. Alle Versuche, sie davon zu überzeugen, dass es zu gefährlich ist, scheiterten. Aber es gab keinen Ärger und Lena rief uns als sie aufgewacht war, damit wir sie wieder heraus heben konnten. Dann war das Thema „Schlafen im Gitterbettchen” für sie erledigt. Nach der Geburt lernte sie sehr schnell, dass man aus dem Gitterbettchen sehr gut beim Wickeln zusehen konnte. Sie stellte ihren kleinen Stuhl ans Bett und konnte so selbst in das Bett und auch wieder heraus klettern.

Die erste große Überraschung, die uns Lena lieferte, war noch am Abend der Geburt. Es waren zwar alle im Zimmer, aber niemand kümmerte sich so richtig um Lena. Plötzlich angelte sie sich eine Schnitte und die Leberwurst, nahm das nächstgelegene Messer und schmierte sich ihre Schnitte selbst.

Bei unserem ersten Ausflug mit dem Kinderwagen wollte die (große) Lena gern den Kinderwagen schieben. Ist kein Problem, der Griff geht weit genug herunter zu klappen. Nur ab und zu musste ich, um eine Kollision zu vermeiden oder einen Richtungswechsel einzuleiten, den Kinderwagen mit anfassen. Da fing (die kleine) Lena plötzlich an zu weinen „Nein, ich schiebe!”

Die Bock-Anfälle beim Zähneputzen würde ich unter „Kleine Lena” fallen lassen. Um so erstaunlicher war es, als sie einaml beim Büchervorlesen einfach so aufstand, ins Bad ging zum Zähneputzen. Sie angelte sich ihr Zahnputzzeug, machte Zahnpasta auf die Zahnbürste, füllte den Becher mit Wasser und putzte so gut, wie ich es noch nie gesehen hatte.

Manchmal wollte sie auch den „Babyluxus” wie Kinderwagen oder Kinderwagentasche oder Babybadewanne ausprobieren. Das fand sie recht lustig, aber sie merkte, dass es doch etwas unbequem ist und wollte sehr schnell wieder heraus. Manchmal möchte sie auch eine Babymassage und die natürlich auf dem Wickeltisch. Der Wunsch auf dem Wickeltisch massiert zu werden ist zwar ein „Babywunsch”, aber der Wunsch nach einer Massage ist ein Wunsch der großen Lena.

Nach der Geburt machte sie in der Sprachentwicklung offensichtlich einen Sprung. Die Sätze wurde immer länger und es kamen Zusammenhänge, die wir in dieser Menge überhaupt nicht erwartet hatten. Ein Beispiel: Wir standen an der Straßenbahnhaltestelle und sagten zu Lena, dass jetzt die 11 kommt. Ihr Antwort: „Die 11 fährt nicht zur Gret-Palucca-Straße, sondern nur bis Hauptbahnhof Nord!” (was aufgrund der aktuellen Baustellensituation völlig richtig war.) Thema Zahlen: Es kam in letzter Zeit vor, dass Lena einfach so „Sieben − Acht − Neun − Zehn − Elf.” trällerte.

Auch verschiedene Buchstabenkombinationen klappten besser. Zum Beispiel das „Zw” bei „Zwei” oder „Zwerg” wechselte von „B” zu „Sw”. Auch das „Sch” am Wortanfang wechselte immer öfter von „D” zu „S”. Wenn Lena früher sagte: „Du siehst heute dick aus.”, war es auf alle Fälle ein Kompliment (schick).

In einer Beziehung war sie in letzter Zeit immer eine kleine Lena. Eines Tages kam sie auf die Idee, dass die Milch nicht umgerührt werden soll, nachdem der Kakao hinzugefügt wurde. Kakao hat aber die Eigenschaft, dass er auch ohne Zutun nach unten sinkt. Als sie die Tasse zum Mund führte, war der Kakao weitesgehend untergegangen. „Nein, nicht umrühren!”, lief sie weinend weg. Wir haben Milch in ein Glas gegossen, so dass sie beobachten konnte, dass der Kakao ganz allein nach unten sinkt. Es half bisher nicht. Wenn der Kakao von der Oberfläche verschwunden ist, weint die Lena.

Vergessen ist menschlich
Ich hatte schon manchmal erwähnt, dass wir von Lena (auch als Baby) verwöhnt waren. Aber waren wir das wirklich? Wir hatten Lena als ruhiges, zufriedenes Baby in Erinnerung, was auch sehr schnell nachts durchgeschlafen hat. In blasser Erinnerung kamen solche Dinge wieder, dass wir in der Küche saßen und Sekunden gezählt haben, bis wir aufspringen, um Lena zu beruhigen. Oder dass wir lange Zeit an ihrer Schlaftasche saßen und sie versucht haben zu beruhigen. Wann das war und wie lange das gedauert hatte, wussten wir nicht mehr.

Nach etwa fünf Wochen hatte sich noch immer nicht unser gewünschter Rhythmus eingestellt. Jetzt war es Zeit, einmal nachzusehen, wie es bei Lena wirklich war. Nadine hatte recht viel zu Lenas Entwicklung aufgeschrieben. Es war kein Tagebuch, aber die wesentlichen Entwicklungen und Besonderheiten wurden etwa einmal pro Woche aufgeschrieben.

Was wir in dem Heft gelesen haben, hat uns doch ziemlich beruhigt: „5. Woche: Lena schläft nachts zwei bis drei Stunden. Tagsüber sind es auch mal fünf oder sechs. Umgekehrt wäre es uns lieber.” Aha! Oder: „Abends vor dem Schlafen hat Lena eine längere Schreiphase.” Na so was, genau das erleben wir jetzt wieder. Auch in den Ratgebern zum Thema Kinder hatten wir in letzter Zeit nur die neuen Kapitel für Lenas Alter gelesen. Die Babyabschnitte haben wir mittlerweile noch einmal gelesen.

Fragt man bei Leuten nach, die auch zwei oder mehr Kinder haben (egal ob große oder relativ kleine), wird man kaum eine unterstützende Antwort bekommen, weil sie auch alle vergessen haben, wie es war. Die unpassendste Antwort war: „Bei uns war alles ganz ruhig.” Das glauben wir nicht! Fragt man aber in Familien nach, in denen auch gerade das zweite Kind da ist, hört man fast immer, dass die Situation gleich oder in vielen Dingen ähnlich ist.

Offensichtlich ist alles ganz normal: Babys schreien anfangs ganz viel, später läßt es nach und alle Beteiligten sind froh, dass jetzt alles besser ist und vergessen ganz schnell, wie alles anfing. Vielleicht hilft dieser Bericht jungen Eltern bei der Bewältigung der Geschwistersituation. Vielleicht hilft er auch uns als Gedankenstütze gegen das Vergessen.

Uwe Warmuth

 
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